Bauarbeiten geben Blick auf Northeims Stadtgeschichte frei

Bei den laufenden Bauarbeiten im Bereich der Bahnhofstraße wurden archäologische Überreste des sogenannten „Höckelheimer Tores“ entdeckt. Es war eines der drei mittelalterlichen Stadttore Northeims. Die wichtigste Erkenntnis: Unter der heutigen Straße und den angrenzenden Häusern liegen noch massive Bauwerksteile der bis zu 750 Jahre alten Stadtbefestigung.

„Wir hatten bereits damit gerechnet, dass dort noch Teile des Tores im Boden liegen“, sagt Denkmalschützer und Amtsarchäologe René Piehl, der das Bauvorhaben von Anfang an begleitet. „2004 kamen bei Tiefbauarbeiten am Mühlentor ebenfalls die alten Grundmauern zutage.“ In der Bahnhofstraße wurden zuletzt bereits bei der Sanierung der Kanalisation erste Hinweise freigelegt. Piehl war jedes Mal im Einsatz, um die Entdeckungen festzuhalten, einzuordnen und die Arbeiten direkt wieder freizugeben. Dadurch kam es in keinem Fall zu längeren Baustopps.

Seit Montag wird nun ein Graben für neue Gas-, Wasser- und Stromleitungen ausgeschachtet. Da er durch historische Bodenschichten führt, wurde frühzeitig ein archäologisches Fachbüro um Bauforscher Jörg Vogt aus Magdeburg damit beauftragt, durchgehend auf der Baustelle präsent zu sein und die Entdeckungen festzuhalten. Diese Begleitung ist bei größeren Erdarbeiten üblich, wie zuletzt in Schnedinghausen bei den Voruntersuchungen zur SuedLink-Trasse.

Durch den etwa 1,5 Meter breiten Leitungsgraben in der Bahnhofstraße kamen nun Grundmauern des eigentlichen Stadttors, auf denen auch die umliegenden Häuser stehen, sowie die gepflasterte Tordurchfahrt zum Vorschein. Außerdem wurden unter anderem Brandschutt, Speisereste und Keramikscherben gesichert. Vor allem die Keramikscherben bieten Ansätze für die zeitliche Einordnung der Bauabschnitte.

„Solche Funde sind für Northeim nicht überraschend, aber jedes Mal wertvoll“, sagt Piehl. „Sie zeigen sehr konkret, wie stark die heutige Stadt noch auf ihrer mittelalterlichen Geschichte steht.“ Nach den bisherigen Erkenntnissen reichte das Höckelheimer Tor von der Kreuzung Untere Straße/Zwinger bis zum Bushaltehäuschen vor dem Hotel „Deutsche Eiche“. Die anschließende Steinbrücke reichte noch bis über die heutige Gardekürassierstraße hinaus.

„Mittelalterliche Stadttore darf man sich nicht als einfache Pforten in der Stadtmauer vorstellen. Es waren verstärkte Bauwerke mit Verteidigungstürmen bis hin zu regelrechten Torburgen. Später kamen auch prachtvolle Elemente hinzu, die Reichtum und Selbstbewusstsein der Städte repräsentierten“, erläutert der Denkmalschützer.

Die historischen Bauwerksteile werden parallel zu den Tiefbauarbeiten vermessen und dokumentiert, damit dort möglichst schnell die neuen Leitungen verlegt werden können. Diese sollen nun wenige Zentimeter höher eingebracht werden, damit das mittelalterliche Straßenpflaster und die Bauwerksfundamente darunter erhalten bleiben können. „Wir achten auf einen guten Ausgleich zwischen historischer Verantwortung und notwendigen Infrastrukturmaßnahmen“, sagt Piehl. Sobald die Grabung abgeschlossen ist, wird die Auswertung der Ergebnisse einige Zeit in Anspruch nehmen. Spätestens im Northeimer Jahrbuch 2027 werden sie nachzulesen sein.

Nach bisherigem Kenntnisstand wurde das Höckelheimer Tor zwischen 1252 und 1293 erbaut. Die daran anschließende Brücke führte über die Wallteiche, die früher um die ganze Altstadt herum verliefen, auf die Felder und zur Fernstraße nach Frankfurt, der heutigen B 3. Über die Stadttore wurden Zutritt und Warenverkehr kontrolliert. Häufig wurden dabei Abgaben wie Waren- oder Wegezölle erhoben. Gerade in der Hansezeit Northeims von 1384 bis 1554 waren solche Einnahmen von großer Bedeutung.

Im 15. Jahrhundert wurden viele Stadttore durch zusätzliche Vorbauten gegen die aufkommende Artillerie verstärkt. Am Oberen Tor bei der alten Brauerei ist diese Entwicklung mit dem mächtigen runden Kanonenturm bis heute gut nachvollziehbar. Ihre letzte große Rolle spielte die Stadtbefestigung im Dreißigjährigen Krieg, als Northeim von der Katholischen Liga belagert wurde. Auch dank der massiven Tore konnten die Bürger den Belagerern von April 1626 bis Juli 1627 standhalten. Daran wird heute jedes Jahr auf dem Klostermarkt erinnert.

„Dass die Tore im 18. Jahrhundert abgerissen wurden, stellt aus heutiger Sicht einen Verlust für das Stadtbild dar“, sagt Piehl. „Für die damalige Zeit war es aber auch ein Schritt in Richtung wirtschaftlicher Erneuerung: Die Steine wurden zum Bau neuer Straßen und Brücken genutzt, die der alte Verkehrsknotenpunkt Northeim dringend brauchte.“